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Cover Stadt der Diebe deutsch

Der 17-Jährige Lew hat ein riesen Problem, welches ihm vermutlich zum Verhängnis werden wird: Er ist in der Neujahrsnacht 1942 beim Plündern eines toten deutschen Soldaten im eingekesselten Leningrad (heute St. Petersburg) erwischt worden. Nun sitzt er über Nacht im Kresty, dem berüchtigten Gefängnis Leningrads und macht dort die Bekanntschaft des 19-Jährigen Soldaten Kolja, der ihn mit wilden Geschichten und einer ordentlichen Portion Humor von seinem Problem ablenkt. Dabei geht es Kolja vermutlich ebenfalls an den Kragen, ist er doch nicht rechtzeitig zurück zu seiner Einheit gekehrt und gilt nun als Desateur. Doch der neue Morgen bringt den Beiden Aufschub ihrer Hinrichtung und einen seltsamen, schier unslöslichen Auftrag: Im ausgehungerten Leningrad sollen sie innerhalb von fünf Tagen für einen General des NKWDs (Innenministerium) beziehungsweise für die Hochzeitstorte seiner Tochter 12 Eier besorgen.

Und so zieht das Duo los, auf der Suche nach einer Köstlichkeit, die seit September nicht mehr auf dem Schwarzmarkt zu bekommen war. Gegensätzlicher könnten die Beiden nicht sein: Der schmächtige, eher schwächliche dunkelhaarige Lew, ein Halbjude mit großer Nase und streichholzdünnen Beinen, der einer Frau noch nie wirklich nahe gekommen ist, der Konflikten lieber aus dem Weg geht und der ein halbes Schachgenie ist. Dagegen der attraktive, blonde und blauäugige Kolja, groß und stark wie er ist, beglückt er die Frauen, wo er nur kann, immer eine freche Klappe - auch in wirklich unpassenden oder gefährlichen Situationen und einem Schwätzchen sowieso nie abgeneigt. Dennoch verbindet Lew und Kolja schnell mehr als 'nur' die Eiersuche miteinander. Zum Beispiel eine ausgeprägte Streitsucht oder die Liebe zur russischen Literatur. Die Beiden erleben ein Abenteuer, dass seinesgleichen sucht. Sie begegnen Kanibalen, Huren, wilden Frauen, finden das wohl einzige noch lebende Geflügel Leningrads und schlagen sich schlussendlich durch die feindlichen deutschen Linien hindurch und begegnen Partisanen, verlorenen Existenzen und mehr Nazis als ihnen lieb ist.

David Benioff erzählt in City of Thieves / Stadt der Diebe die Geschichte seines Großvaters Lew, der die Belagerung von Leningrad im zweiten Weltkrieg wirklich miterlebt hat. Wie viel von der verrückten und spannenden Geschichte tatsächlich so passiert ist, bleibt allerdings David Benioffs Geheimnis, sagt der Großvater im Prolog doch zu ihm: "Du bist der Autor, denk dir was aus". Natürlich ist Stadt der Diebe auch ein historisches Zeitzeugnis über den zweiten Weltkrieg, Leningrad und über das Russland aus Lews Jungend, also das der 30er und frühen 40er Jahre. Das Besondere dieses Romans sind aber der Wortwitz und der Humor, mit dem das Buch auch arge und grausame Szenen entschärfen kann. Dazu der Mut der Protagonisten, der sich mal leise mal laut äußert, sodass sie sich auch in schier aussichtslosen Situationen schnell aufeinander verlassen können. Und natürlich die seltsame Aufgabe mit den zwei Dutzend Eiern, die zwei Fremde zu einer tiefen und innigen Freundschaft finden lässt. All das macht diesen Kriegsroman zu einem außergewöhnlichen Buch.
Fazit: Ein traurig-komisches Leseerlebnis, welches ich wirklich empfehlen kann.

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